Auf den Punkt 0/0

Barbara Blaha bei Dirk Stermann · Podcast-Gespräch

Alle halten sich für die Guten

Warum wir an Ungleichheit glauben, obwohl die Zahlen oft dagegen sprechen – und was uns dazu bringt, die Welt anders zu sehen. Ein Gespräch aus „Stermann fragt für einen Freund“, auf den Punkt gebracht und geprüft.

Die Kernthese

Ungleichheit ist kein Naturgesetz, sondern menschengemacht und von Glaubenssätzen gestützt – und weil sich alle für die Guten halten, ändert sie sich nicht durch Fakten allein, sondern erst, wenn Begegnungen und Geschichten eine andere Perspektive öffnen.

  • 1 Quelle
  • 67 Min. Podcast
  • 18 Min. Lesezeit
  • Stand 31.10.2026
Kurz vorab – tipp mal

Wer wählt laut Forschung am ehesten rechts außen?

01 · In 60 Sekunden

Der Gedankengang

Sieben Schritte, ein Gedanke. Wer nur das liest, hat den Kern.

1

Der Vorrang der Männer ist erfunden

Er entstand laut Blaha mit Besitz und Erbe. Als Glaubenssystem hält er sich, auch wenn Noten und Abschlüsse dagegen sprechen.

2

Der Glaube wird früh eingeübt

Schon ein Baby bekommt je nach Kleidung Auto oder Puppe. Viele kleine Unterschiede setzen ein Kind auf eine Straße.

3

Was gemacht ist, lässt sich ändern

Schweden hat sich vom Land großer Gegensätze zum Sozialstaat entschieden. Es geht auch zurück: Wer radikal redet, verschiebt mit der Zeit, was sagbar ist.

4

Abstieg kränkt und sucht Schuldige

Nicht die Ärmsten kippen nach rechts, sondern wer weniger hat als die Eltern. Die Kehrseite des Aufstiegsversprechens lautet: Du bist selbst schuld.

5

Bildung erklärt mehr, als sie rechtfertigt

Der Abschluss macht Einkommensunterschiede hinnehmbar. Über den Wert einer Arbeit sagt er wenig, und wer sie macht, darf oft nicht mitwählen.

6

Fakten prallen ab, weil alle gut sein wollen

Alle halten sich für die Guten. Wer anders denkt, wird abgewertet – so schützen wir unser Weltbild.

7

Der Ausweg: durch fremde Fenster schauen

Begegnungen und Geschichten öffnen, was Argumente allein nicht öffnen. Erst wer die Lage anderer sieht, denkt und wählt vielleicht anders.

02 · Im Einzelnen

Die sieben Kernaussagen

Aufklappen, lesen, abhaken. Die Punkte zeigen, wie gut eine Aussage belegt ist.

gut belegtteils belegtDeutung
Vier Begriffe vorab
Glaubenssystem
Blahas Wort für eine Überzeugung, die sich von Tatsachen kaum beeindrucken lässt – etwa dass Männer kompetenter seien als Frauen.
Öffentlichkeitsfenster
Der Bereich dessen, was gerade als sagbar gilt, auch Overton-Fenster genannt. Wer es verschiebt, macht aus radikalen Forderungen mit der Zeit normale Politik.
Aufstiegserzählung
Das Versprechen: Wer sich anstrengt, hat es einmal besser, und die Kinder auch. Die Kehrseite: Wer es nicht schafft, ist selbst schuld.
Durchs Fenster schauen
Das Leitbild des Gesprächs: die Welt bewusst aus der Lage anderer betrachten – durch Bücher und vor allem durch Gespräche.
1Der Vorrang der Männer ist ein Glaubenssystem, kein NaturgesetzEr entstand mit Besitz und Erbe und hält sich, obwohl Noten und Abschlüsse dagegen sprechen.teils belegt

Was die Quelle sagt

Stermann fragt, wie Männer an ihre Überlegenheit glauben können, wo ihn doch Mitschülerinnen, Professorinnen und Chefinnen geprägt haben. Blahas Antwort: Das Patriarchat ist eine rund 12.000 Jahre alte Erfindung. Mit Ackerbau und Viehzucht kam das Eigentum, mit dem Eigentum die Frage nach dem Erben. Wer das Erbe sichern will, muss die Frau kontrollieren – und braucht dafür eine Begründung.

Diese Begründung wirkt bis heute, sagt Blaha. Frauen sind seit 25 Jahren besser ausgebildet und haben die besseren Noten. Trotzdem glauben Eltern, Mathematik sei nichts für Mädchen. Wir lassen uns lieber von Männern überzeugen und führen, obwohl von Frauen geleitete Betriebe laut Blaha mehr Umsatz und Gewinn machen. Es gehe eben nicht um Fakten, sondern um Überzeugungen.

Zum Beispiel

Eltern googeln zweieinhalbmal so oft, ob ihr Sohn hochbegabt ist, wie ob ihre Tochter es ist. Dabei haben die Töchter im Schnitt die besseren Noten.

Einordnung

Längere Agrargeschichte (Hansen u. a. 2015) und der Pflug (Alesina u. a. 2013) hängen tatsächlich mit weniger Gleichstellung zusammen, und in heutigen Jäger-Sammler-Gruppen deutet vieles auf mehr Mitsprache der Frauen hin (Dyble u. a. 2015). Das Erbe-Motiv und das „gleichzeitig“ bleiben aber Deutung. Die Noten stimmen, auch in Mathe (Voyer & Voyer 2014). In Tests liegen Burschen jedoch vorn, in Österreich deutlich (PISA 2022: 497 zu 478 Punkte; PISA 2025: etwa ein Lernjahr). Vorbehalte gegen Frauen in Führung sind gut erforscht (Eagly & Karau 2002), die Befunde aber nicht einheitlich (Moss-Racusin u. a. 2012; Williams & Ceci 2015). Der Erfolgsvorsprung frauengeführter Firmen ist sehr klein (Jeong & Harrison 2017).

Fundstellen: ▶ Podcast 04:01 ▶ Podcast 05:00
2Rollen werden eingeübt, lange bevor ein Kind sie wähltViele kleine Unterschiede ab dem ersten Tag setzen Kinder auf eine Straße.teils belegt

Was die Quelle sagt

Blaha verweist auf die Baby-X-Versuche: Dasselbe Baby gilt in Blau als kräftig und bekommt das Auto, in Rosa als süß und bekommt die Puppe. Mit Buben wird rauer gespielt, sie dürfen sich weiter von den Eltern entfernen. Jede Kleinigkeit für sich ist egal, in Summe setzt sie ein Kind auf eine Straße. Darum zeichnen schon Fünfjährige eine Führungsfigur als Mann: Sie schauen sich die Welt an.

Stermann hält dagegen. An der Montessori-Schule seines Sohnes rannten die Buben sofort zum Fußball, die Mädchen setzten sich zum Reden – für ihn ein Hinweis auf echte Unterschiede in den Interessen. Blaha widerspricht: Wenn ein Kind ab der ersten Sekunde anders behandelt wird, lässt sich nicht mehr sagen, was angeboren und was übergestülpt ist.

Zum Beispiel

Blahas Bild für die gläserne Decke: Von unten sieht man sie nicht. Viele junge Frauen halten die Sache für erledigt und merken erst im Lauf des Berufslebens, dass ihnen weniger zugetraut wird als männlichen Kollegen.

Einordnung

Die Baby-X-Versuche gibt es (Seavey u. a. 1975), die Befunde sind aber gemischter, als es klingt: Eine Übersicht fand stereotype Einschätzungen bei Kindern deutlich häufiger als bei Erwachsenen (Stern & Karraker 1989, hier nach Zweitquellen). Stermanns Einwand hat Gewicht: Die Unterschiede bei der Spielzeugwahl sind groß und wachsen mit dem Alter (Davis & Hines 2020). Ob Erziehung oder auch Hormone dahinterstecken, ist offen; die Autor:innen vermuten beides. Eltern behandeln Buben und Mädchen im Alltag ähnlicher als gedacht, am deutlichsten lenken sie bei Tätigkeiten und Spielzeug (Lytton & Romney 1991). Frühe Stereotype sind belegt (Bian u. a. 2017), für die zeichnenden Fünfjährigen fand sich kein genauer Nachweis.

3Was Menschen gemacht haben, können Menschen ändern – in beide RichtungenFortschritt ist keine Automatik: Schweden hat sich gewandelt, und der Diskurs in Österreich ist nach rechts gerückt.teils belegt

Was die Quelle sagt

Das ist Blahas roter Faden: Was von Menschen gemacht ist, lässt sich auch wieder ändern, zum Besseren wie zum Schlechteren. Schweden war vor rund 100 Jahren das Land mit den größten Gegensätzen zwischen Arm und Reich, bis die Sozialdemokratie das beendete. Das schwedische Modell sei also keine Volksseele, sondern eine Entscheidung.

Die Gegenrichtung zeigt sie am Lichtermeer 1993, der größten Demonstration der Zweiten Republik, gegen ein FPÖ-Volksbegehren. Zwei Drittel der damaligen Forderungen seien heute Gesetz. Die Erklärung liefert das Overton-Fenster: Wer lange genug Radikales sagt, rückt das Fenster des Sagbaren. „Remigration“ klang anfangs ungeheuerlich und fällt heute in Talkshows, als wäre es ein normales Wort.

Zum Beispiel

Stermanns Cousin aus Schweden besucht Wien und wundert sich, warum hier so wenige Männer mit Kindern unterwegs sind. In Göteborg stehen die Väter um 15 Uhr auf und holen ihre Kinder ab. Er kennt es nicht anders und hält es deshalb für logisch.

Einordnung

Bei Schweden stimmt die Richtung: Um 1900 war das Land so ungleich wie andere in Westeuropa (Bengtsson u. a. 2018), aber nicht nachweislich das ungleichste. Dass enthemmtes Reden ansteckt, stützen Versuche: Mit Trumps Aufstieg und Wahlsieg 2016 stieg die Bereitschaft, sich öffentlich fremdenfeindlich zu äußern (Bursztyn u. a. 2020). Das Fenster-Modell stammt aus einem marktliberalen US-Thinktank (Mackinac Center). Schwedische Väter nehmen rund 30 Prozent der Elterntage (SSE 2024). Kinderbetreuung stellen dort die Gemeinden, nicht die Firmen, wie im Gespräch anklingt (Eurydice).

4Nicht die Ärmsten kippen nach rechts, sondern die AbgestiegenenWer weniger hat als die Eltern, sucht eine Erklärung – und das Aufstiegsversprechen bietet nur zwei: ich oder die anderen.gut belegt

Was die Quelle sagt

Blaha beruft sich auf eine Studie mit über 80.000 Menschen: Nicht wer fast nichts hat, wählt am ehesten rechts, sondern wer weniger hat als die eigenen Eltern. Diese Menschen haben Job und Wohnung, erleben aber einen Abstieg, gefühlt oder real. Das ist eine Kränkung.

Mitverantwortlich ist für sie eine Erzählung, die auch von Sozialdemokratie und Grünen kommt: Strengst du dich an, hast du es einmal besser. Die Kehrseite: Wenn nicht, bist du schuld. Wer heute weniger erreicht als die Eltern, hat dann zwei Erklärungen zur Wahl: ich oder die Ausländer. Beide treffen nicht, sagt Blaha. Es liegt an Rahmenbedingungen wie prekären Jobs und Löhnen, die den Preisen nicht nachkommen. Was an die Stelle des Aufstiegs treten soll, lässt sie offen: Darauf habe sie noch keine endgültige Antwort.

Zum Beispiel

Steigen die Energiepreise, weil die Straße von Hormus zu ist, hilft auch ein zusätzlicher Bildungsabschluss nichts. Wer davon getroffen wird, hat nichts falsch gemacht – und sucht trotzdem eine Erklärung.

Einordnung

Im Kern gut gestützt. In elf europäischen Ländern erhöhte schon eine Stufe unter dem Beruf der Eltern die Wahrscheinlichkeit, rechts außen zu wählen, um 16 Prozent, drei Stufen um 60 Prozent; Aufstieg wirkte kaum (Jacobs & Kayser 2025). Aber: Abgestiegene sind nur ein kleiner Teil dieser Wählerschaft (Gugushvili u. a. 2025), und gemessen wurde der Beruf, nicht das Einkommen. Die Studie mit 80.000 Menschen ließ sich nicht eindeutig zuordnen. Dass die Ärmsten keine Rolle spielen, folgt daraus nicht – nur, dass Abstieg einen eigenen Effekt hat.

Auflösung der Vorab-Frage: Am deutlichsten belegt: wer beruflich unter den Eltern gelandet ist. Der Abstieg wirkt in einer Studie aus elf Ländern, der Aufstieg kaum. Allerdings sind die Abgestiegenen nur ein kleiner Teil dieser Wählerschaft, und auch der Kontakt spielt eine Rolle (mehr dazu in Aussage 7).
5Der Abschluss rechtfertigt Einkommen, sagt aber wenig über den Wert der ArbeitUngleichheit stört uns, bis sie erklärt wird – und Bildung liefert die Erklärung.teils belegt

Was die Quelle sagt

Schon kleine Kinder wollen gleich große Tortenstücke, sagt Blaha. Wir mögen Ungleichheit nicht, außer sie wird uns erklärt. Dafür brauchen wir das Bildungssystem: Der Zahnarzt hat studiert, also darf er mehr verdienen. Aufstieg ist zudem relativ, es können nie alle aufsteigen. Warum also sollen nicht auch eine Elementarpädagogin oder ein Straßenkehrer ein würdevolles Leben führen können?

Hier widerspricht Stermann am schärfsten: Kloputzen bleibe Kloputzen, das Gerede von der Würde sei romantisch. Blaha trennt die Arbeit von ihrer Bewertung. Wien zeigt das an der Müllabfuhr MA 48, der die Kinder zuwinken. Und eine britische Studie rechne vor: Für jeden Euro Lohn schafft die Reinigungskraft im Krankenhaus elf Euro Wert für die Gesellschaft, Steuerberater vernichten 50.

Zum Beispiel

Stermanns Dorf in Südfrankreich: Dort zahle man mit Tätigkeiten statt mit Geld. Pflegende bekämen viel Brot, Anwälte grotesk wenig. Die Reihenfolge der Berufe dreht sich um, sobald ein Dorf selbst entscheidet, was es braucht. Blaha kennt das Dorf nicht und will nachsehen.

Einordnung

Der Grundgedanke passt zur Forschung: Menschen stört weniger die Ungleichheit als die Ungerechtigkeit (Starmans u. a. 2017). Dass wir „alle Sozialisten und Sozialistinnen geboren“ wären, trägt aber nicht: Drei- bis Vierjährige teilen meist eigennützig (Fehr u. a. 2008) und protestieren vor allem, wenn sie selbst weniger bekommen (Blake u. a. 2015). Die britische „Studie“ ist der Bericht eines Thinktanks über sechs gezielt gewählte Berufe (nef 2009). Dort stehen über 10 Pfund und minus 47, gemeint sind Fachleute für Steuervermeidung. Und Elementarpädagog:innen brauchen in Österreich bis heute kein Studium: Das erste Bachelorstudium startete 2025, weitere folgen 2026 (OeAD 2026).

6Wer die Arbeit macht, darf oft nicht mitwählenÖsterreichs Wahlrecht hängt an der Staatsbürgerschaft und schließt dadurch vor allem Menschen mit wenig Einkommen aus.gut belegt

Was die Quelle sagt

Stermann lebt seit 40 Jahren in Österreich, zahlt hier Steuern und darf als Deutscher nicht wählen. Er stand vor einem Wahlplakat gegen Zugewanderte, das er über seine Steuern mitfinanziert hat, ohne ein Kreuz dagegen machen zu können. Auch das fehlende Frauenwahlrecht, sagt er, erscheint uns heute absurd; in 100 Jahren werde man genauso über diese Regel staunen.

Blaha spricht von einem großen historischen Fehler der Sozialdemokratie. Die Reinigungskraft im Krankenhaus hat meist keinen österreichischen Pass: Das Proletariat, wie sie sagt, hat kein Wahlrecht mehr. Im 15. Bezirk, dem ärmsten Wiens, sind über 40 Prozent nicht wahlberechtigt. Stermann gibt wieder, was ihm Michael Häupl dazu gesagt habe: Wien habe es wenigstens für EU-Bürger:innen versucht, die EU habe es verboten. Blaha hält dagegen: Die SPÖ war lange in der Bundesregierung und hat aktiv dagegen gearbeitet.

Zum Beispiel

Die Krankenhaus-Probe: Bitte alle, die nicht in Österreich geboren sind, nach Hause zu gehen – und du stehst allein da, sagt Blaha. Von eineinhalb Millionen Menschen spricht sie, deren Arbeit unverzichtbar sei.

Einordnung

Die Zahlen tragen: 35,6 Prozent der Menschen im Wahlalter in Wien haben keine österreichische Staatsbürgerschaft, im 15. Bezirk 45,9 Prozent (Statistik Austria 2025). Mehr als ein Drittel der Arbeiter:innen in Österreich ist ausgeschlossen (Stögner & Kowall 2023). Im Ausland geboren sind rund 1,9 Millionen Menschen (Statistik Austria 2026); wie viele davon arbeiten, sagt diese Zahl nicht. Für ein EU-Verbot fand sich kein Beleg. EU-Bürger:innen wählen in Wien nur auf Bezirksebene, weil der Gemeinderat zugleich Landtag ist. Den Wiener Versuch, dort auch Nicht-EU-Bürger:innen wählen zu lassen, hob 2004 der österreichische Verfassungsgerichtshof auf. Ein allgemeines Wahlrecht für Zugewanderte bräuchte eine Zweidrittelmehrheit im Parlament; die SPÖ allein hätte das nicht gekonnt.

7Alle halten sich für die Guten – darum öffnen Begegnung und Geschichten mehr als ArgumenteWer abgewertet wird, rückt nicht ab. Wer eine andere Lage erlebt, vielleicht schon.teils belegt

Was die Quelle sagt

„Niemand geht durch die Welt und glaubt, er ist das Arschloch“, sagt Blaha. Auch der ärgste Nazi hält sich für einen der Guten. Wer unser Weltbild stört, den werten wir ab – das schützt es. Mit der Zeit gewöhnen wir uns so an Grausamkeit, auch an verbale. Wer andere nicht mehr als Menschen sieht, hat kein Mitgefühl mehr mit ihnen. Darum fragt sie: Was kann ich jemandem anbieten, damit eine neue Sicht entsteht?

Ihre Antwort: Geschichten und Kontakt. Mit dem Buchdruck hätten Menschen erstmals Leben kennengelernt, die sie nie geführt hatten, das habe die Menschenrechte erst möglich gemacht. Und Vorurteile baue man „einzig und allein“ durch Kontakt ab, darum wähle die Stadt weniger rechts als das Land. Für sich selbst nennt sie eine Leerstelle: Was erleben Menschen mit Migrationsgeschichte, was sie als weiße Frau nie sieht?

Zum Beispiel

Stermanns Küchenfenster im 5. Bezirk: Gegenüber wohnt eine pakistanische Familie. Die Kinder winken einander aus den Kindersesseln zu, der Vater betet auf dem Teppich. Für Stermann ein Idyll. Der Hausmeister schimpft über dieselben Menschen. Der, sagt Stermann, schaut einfach nicht aus diesem Fenster.

Einordnung

Kontakt baut im Schnitt Vorurteile ab (Pettigrew & Tropp 2006), die Wirkung schwankt aber stark (Paluck u. a. 2019). „Einzig und allein“ ist überzogen. Ein Beleg aus Österreich: In Oberösterreich sank 2015 dort, wo Asylsuchende wohnten, der FPÖ-Anteil um rund 4 Prozentpunkte; wo sie nur durchzogen, stieg er um 1,5 (Steinmayr 2021). Der Stadt-Land-Unterschied entsteht aber vor allem dadurch, wer in die Stadt zieht (Maxwell 2019). Erzählen wirkt besser als Argumentieren, wenn auch klein (Kalla & Broockman 2020). Für den Buchdruck gibt es keinen Eins-zu-eins-Nachweis, nur eine historische Deutung zu Romanen (Hunt 2007).

03 · Bewertung

Was trägt – und was nicht

Ehrlich geprüft: Was hält der Forschung stand, was ist Deutung – und was fehlt?

Was überzeugt

  • Der Befund zum Abstieg. Blaha trifft den Stand der Forschung und zieht daraus den fairen Schluss: Rahmenbedingungen statt Schuld. Das hebt das Gespräch über bloße Empörung.
  • Der Blick auf die Rechtfertigung. Dass wir Ungleichheit hinnehmen, sobald sie erklärt wird, und Bildung dafür die Erklärung liefert, ist ein Gedanke, den du danach überall siehst.
  • Die Wahlrechtsfrage. Die Zahlen sind eindeutig und vielen nicht bewusst: In Wien darf rund ein Drittel der Menschen im Wahlalter nicht mitentscheiden.
  • Der Widerspruch am Tisch. Beim Fußball und beim Kloputzen hält Stermann dagegen. Genau dort wird das Gespräch am besten.

Wo es wackelt

  • Zahlen aus dem Gedächtnis. Elf Euro statt über zehn Pfund, 50 statt 47, 13 oder 14 Forderungen statt zwölf. Im freien Gespräch ist das normal, und die Richtung stimmt meist. Nur sollte man die Zahlen so nicht weitertragen, Quellen nennt das Gespräch fast nie.
  • Zu glatte Sätze. „Alle“ von Frauen geleiteten Firmen, „einzig und allein“ Kontakt, Menschenrechte „eins zu eins“ durch den Buchdruck, „nichts“ mache glücklicher als Helfen (der Zusammenhang ist klein: Hui u. a. 2020). Starke Sätze, schwächere Belege.
  • Ein Glaube, der sich kaum widerlegen lässt. Wenn jeder beobachtete Unterschied als übergestülpt gilt, gibt es nichts mehr, was dagegen sprechen könnte. Biologische Anteile kommen nicht vor.
  • Anekdoten ohne Beleg. Für das Dorf ohne Geld, das Klinik-Video aus Sachsen-Anhalt und die Kindergartenpflicht für schwedische Firmen ließ sich nichts finden. Gut erzählt, aber nicht nachprüfbar.

Was fehlt

  • Die Gegenseite. Ob Zuwanderung auch Kosten und Reibung erzeugt, ob lange Ausbildung mehr Lohn rechtfertigen darf: Dazu sagt das Gespräch wenig, und niemand am Tisch vertritt diese Sicht. Stermann und Blaha sind sich politisch weitgehend einig.
  • Der Absender. Blaha leitet das Momentum Institut, einen als links geltenden Thinktank. Im Gespräch fällt der Name nicht, nur die Videobeschreibung nennt ihn. Für die Einordnung der Zahlen wäre das hilfreich.
  • Der Weg zur Umsetzung. Wer zahlt bessere Löhne in Pflege und Reinigung? Wie entsteht eine Mehrheit für ein anderes Wahlrecht? Was ersetzt das Aufstiegsversprechen? Zur letzten Frage sagt Blaha offen, dass sie noch keine fertige Antwort hat.

Faktencheck

Einzelne Behauptungen, geprüft an der Forschung.

„Eltern googeln zweieinhalbmal häufiger, ob ihr Sohn hochbegabt ist, als ob es ihre Tochter ist.“

Die Zahl stimmt für Suchanfragen aus den USA (Stephens-Davidowitz 2014). Es ist eine Datenauswertung, keine klassische Studie.

stimmt

„Alle von Frauen geleiteten Betriebe machen mehr Umsatz und Gewinn.“

Eine Übersichtsarbeit über 146 Studien findet einen schwachen positiven Zusammenhang mit dem langfristigen Erfolg und einen schwachen negativen mit kurzfristigen Börsengewinnen, keine Regel für alle (Jeong & Harrison 2017).

zugespitzt

„Nach rechts kippen nicht die Ärmsten, sondern jene, die weniger haben als ihre Eltern.“

Der Abstieg wirkt nachweislich (Jacobs & Kayser 2025; Gugushvili u. a. 2025). Welche Studie mit 80.000 Menschen gemeint ist, bleibt offen.

stimmt im Kern

„Die Reinigungskraft im Krankenhaus ist der wichtigste Job: elf Euro Mehrwert je Euro Lohn. Steuerberater vernichten 50.“

Thinktank-Bericht über sechs gezielt gewählte Berufe: über 10 Pfund, Recycling sogar 12, minus 47 bei Fachleuten für Steuervermeidung (nef 2009). Keine Rangliste aller Berufe.

zugespitzt

„Schweden war bis vor rund 100 Jahren das Land mit dem größten Unterschied zwischen Arm und Reich.“

1750 gleicher als Westeuropa, um 1900 ebenso ungleich wie die anderen (Bengtsson u. a. 2018). Das Bild vom immer schon gleichen Schweden ist tatsächlich falsch, ein Spitzenplatz aber nicht belegt.

Richtung stimmt

„Zwei Drittel der Forderungen des FPÖ-Volksbegehrens von 1993 sind heute Gesetz.“

Es waren zwölf Punkte, eine Bilanz fand sich nicht. Deutschförderklassen und strengere Regeln zur Staatsbürgerschaft entsprechen ihnen, ebenso das Wahlrecht nur für Staatsbürger:innen. Verfassungsbestimmung, Zuzugsstopp und 30-Prozent-Grenze in Klassen gibt es nicht.

nicht belegt

„Die EU hat Wien verboten, EU-Ausländer wählen zu lassen (so gibt Stermann Michael Häupl wieder).“

Ein EU-Verbot fand sich nicht. EU-Bürger:innen wählen in Wien auf Bezirksebene, weil der Gemeinderat zugleich Landtag ist (Art. 108 B-VG). Das Wiener Bezirkswahlrecht für Nicht-EU-Bürger:innen hob 2004 der österreichische Verfassungsgerichtshof auf (G 218/03).

nicht belegt

„Ein republikanischer Kandidat in den USA ließ die Mutter seiner Gegnerin im Werbespot auftreten, J. D. Vance stellte sich dahinter.“

Ohio, Oktober 2026, Vivek Ramaswamy gegen Amy Acton. Vance griff die Kritiker an, Republikaner wie Gouverneur DeWine verurteilten den Spot aber (AP 2026). Ramaswamy ist gebürtiger US-Amerikaner, kein Inder.

stimmt im Kern

04 · Resümee

Unterm Strich

Das Gespräch überzeugt dort, wo es einen Mechanismus beschreibt: Wir nehmen Ungleichheit hin, sobald sie erklärt wird, und verteidigen unser Weltbild, indem wir andere abwerten. Der Befund zum Abstieg, die Zahlen zum Wahlrecht und der Vorschlag, durch fremde Fenster zu schauen, halten einer Prüfung weitgehend stand. Die Belege dagegen kommen meist aus dem Gedächtnis: runde Zahlen, zugespitzte Sätze, einige Anekdoten, die sich nicht finden lassen.

Nimm es als klugen, unterhaltsamen Denkanstoß aus einer klaren politischen Position, nicht als Beweisführung. Wer die Thesen weiterträgt, sollte die Zahlen vorher nachschlagen. Und die schönste Pointe gilt auch hier: Zwei, die sich politisch weitgehend einig sind, schauen 67 Minuten lang vor allem aus demselben Fenster.

Lohnt sich das Original?

Das ganze Gespräch (67 Minuten) lohnt sich, wenn du Stermann magst: Es ist witzig und persönlich. Bei wenig Zeit: 24:19 bis 36:40 (Abstieg, Bildung, Wert der Arbeit) und 57:52 bis zum Schluss (Geschichten, Fenster). Die Jahre mit dem Bruder (ab 45:28) hörst du wegen des Menschen, nicht wegen einer These. Was der Gedanke „Alle halten sich für die Guten“ für Führung heißt, steht in Weitergedacht, Ausgabe 4.

Durchs fremde Fenster schauen – und die Zahlen nachrechnen.

05 · Für dich

Drei Fragen an dich

Wirksam wird eine Erkenntnis erst, wenn du sie auf dein Leben beziehst. Nimm dir zwei Minuten – deine Notizen bleiben nur auf diesem Gerät.

1 · Erkennen

Welche Gruppe wertest du gerade ab, ohne je länger mit jemandem daraus gesprochen zu haben – und was schützt du damit an deinem Bild von dir selbst?

2 · Übertragen

Wessen Arbeit nutzt du täglich, ohne die Person wirklich zu sehen? Was wäre nach einer Woche ohne sie anders, und wie begegnest du ihr heute?

3 · Handeln

Mit wem, der die Welt anders sieht als du, führst du in den nächsten zwei Wochen ein Gespräch, in dem du nur fragst und zuhörst – und wie fängst du es an?